Dr. Reinhard Grünwald vom Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zum aktuellen Forschungsstand des Forschungsreaktors ITER und die Zukunftsaussichten der Kernfusion.DW-TV:Ist denn ITER unsere Zukunft?
Reinhard Grünwald: Die Kernfusionsforscher wollen in einem Zeithorizont von etwa 50 Jahren über den Zwischenschritt ITER einen Demonstrationsreaktor bauen. Und danach sollen dann die ersten Kraftwerke entstehen, die dann wirklich Strom kommerziell ins Netz einspeisen. Ob dieser Fahrplan so einzuhalten ist, hängt natürlich von einer ganzen Reihe Forschungsfragen ab, die noch offen sind. Ich denke, es müssen noch viele Fragen rund um dieses Projekt geklärt werden. Die Frage, ob die Kernfusion unsere Zukunft ist, ist heute noch schwierig zu beantworten.
DW-TV: Fangen wir mal mit einer Frage an. Radioaktiver Abfall zum Beispiel gibt es bei der Kernfusion zwar weniger, als bei der Kernspaltung, aber es gibt ihn und er soll einhundert Jahre strahlen. Was ist damit? Ist das wirklich eine saubere Energie?
Reinhard Grünwald: Das radioaktive Inventar in den Kraftwerken ist von der Menge her ungefähr vergleichbar mit dem konventioneller Kernspaltungskraftwerke. Ob die Strahlung dann so schnell abklingt, dass man keine Endlager braucht, wie bei den Kernkraftwerken? Das hängt auch davon ab, ob es ihnen gelingt, Materialien zu entwickeln, die eben so günstige Eigenschaften haben, das dass möglich ist. Das ist auch noch eine Frage, die in der Forschung erst geklärt werden muss.
DW-TV: Das Projekt soll ja etwa 10 Milliarden Euro kosten. Wenn das jetzt Ihr Geld wäre, würden Sie es in die Kernfusion investieren?
Reinhard Grünwald: Für die Energieforschung kann man durchaus insgesamt noch mehr Geld ausgeben, als man das heute tut. Das wäre auch sehr sinnvoll, weil Energie ein sehr großes Problem ist. Wir kennen die Problematik Klimawandel und wenn Kernfusion zur Lösung etwas beitragen kann, dann wäre das natürlich wunderbar. Auf der anderen Seite ist die Frage natürlich legitim, ob dieses Geld sinnvoll ausgegeben wird. Das wäre ja nicht nur für das Projekt ITER, sondern für das gesamte Forschungsprogramm, bis der erste Strom mit Kernfusion eingespeist wird. Die Gesamtkosten würden sich in den nächsten 50 Jahren in der Größenordnung zwischen 60 bis 80 Milliarden Euro bewegen. Bei so einem Betrag kann man sich natürlich schon fragen: ist das Geld gut angelegt, oder wäre es sinnvoller, in andere Energien zu investieren?
DW-TV: Und wäre es sinnvoller?
Reinhard Grünwald: Da sind wir von TAB ein bisschen zurückhaltend mit Empfehlungen, weil das letztendlich eine Frage ist, die die Politik beantworten muss.
DW-TV: Glauben Sie denn, es wird dazu kommen, dass Kernfusion uns einmal Strom liefert?
Reinhard Grünwald: Das möchte ich hoffen. Als Physiker bin ich natürlich auch fasziniert von dieser Option. Aber wie gesagt, es gibt noch eine ganze Menge Fragen, die offen sind. Und was leider ein bisschen schwierig ist, es gibt wenige unabhängige Experten, die das auch wirklich beurteilen können, wie der Stand der Dinge ist und wie die gesellschaftliche Problemlösungsrelevanz der Kernfusion ist. Das ist ein Problem mit dem wir uns leider rumschlagen müssen.
DW-TV: Werden wir denn ohne fossile Energieträger jemals auskommen können?
Reinhard Grünwald: Das werden wir müssen, wenn wir die Klimaproblematik verfolgen. Innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre müssen wir den "Turn-Around" schaffen und wirklich weniger CO2 emittieren, sonst gerät uns die globale Temperatur außer Kontrolle. Das heißt, innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts müssen wir wahrscheinlich im wesentlichen auf die fossilen Energieträger verzichten.
Interview: Daniela Levy
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